• Als Parkanlage im nördlichen Auenwald bin ich, das Rosental, Leipzigern und ihren Gästen seit bald tausend Jahren bekannt. Suchen Spazierende mich auf, passieren sie zuvor Straßen, Orte und Gebäude, die an Kunstschaffende vergangener Zeiten wie Tschaikowski, Nietzsche oder Beckmann erinnern. Doch wie sieht es mit zeitgenössischen Kreativen aus, die sich hier in meiner Nähe angesiedelt haben und mit ihren Kunstwerken das großstädtische Leben prägen?

    Lieber Stephan, unter dem Pseudonym Wilhelm Schroeder bist du musikbegeisterten Menschen bekannt, denn deine Fotografien haben bereits ein Cover geschmückt und erst kürzlich auch den Release von Oberlins Album Cold Harbour visuell bereichert. Wie ist es denn dazu gekommen?

    Das erste Mal war für einen Freund, der hatte eine Leipziger Metal-Band und folgte mir auf Facebook. Sie hatten gerade ein neues Album gemacht und er hatte halt einfach gefragt, ob ich Lust habe, ein paar Bilder beizutragen – beziehungsweise, ob er meine Bilder verwenden darf. Und beim zweiten Mal war es die Metal-Band eines Kollegen von mir. Genau dasselbe Prinzip. Damals bin ich halt viel – Wie sagt man dazu? Urban Exploring? – in alte, abgerissene Gebäude und habe dort etwas düstere Fotos gemacht und sie dann hier und da noch ein bisschen bearbeitet. Viele sind auch arg verfremdet. Aber wenn man weiß, dass es meine sind, dann sieht man das schon. Man erkennt meine Bilder.

    Auf dem einen CD-Cover ist eine Laterne und auf dem anderen?

    Das ist auch stark verfremdet und wurde von jemand anders dann nochmal bearbeitet. Da ist eine Treppe auf dem Cover. Die übrigen Bilder sind dann im CD-Booklet. Und bei den Postkarten für Oberlin hat es auch thematisch gut gepasst mit Cold Harbour.

    Wie bist du aber überhaupt zur Fotografie gekommen?

    Das ist schon viele Jahre her und war auf einer Klassenfahrt. Da hatten wir einen Sozialarbeiter mit, der uns da immer ein bisschen bespaßt hat. Danach habe ich in der Schule auch Fotokurse gemacht. Da konnten wir uns Kameras ausleihen. Das hat mir damals übelst viel Spaß bereitet. Dann hatte ich so eine ganz kleine Filmkamera und habe da immer ein paar Bilder gemacht. Irgendwann habe ich dann mal – ich glaube auch gebraucht – eine Spiegelreflexkamera gekauft. Also, es ging eigentlich in der Schule los, dass da die Lust kam, zu fotografieren. Ich fand das immer ganz interessant, irgendwelche Bilder einzufangen.

    Hat man euch in der Schule einfach ausprobieren lassen oder war da jemand, der das begleitet hat?

    Nein, die haben uns zuerst ausprobieren lassen. Das ging auch nicht lange, wenn ich mich recht entsinne. Die haben uns hier und da noch ein paar Tipps gegeben und ein paar Tricks gezeigt, aber viel ging dann halt auch wirklich darüber, dass man es mal nachgelesen und sich irgendwelche Fotokursbücher gekauft hat. Also, es war so ein schleichender Prozess.

    Und was hat dich dann dazu gebracht, jetzt fast nur noch mit dem Smartphone Bilder zu machen?

    Ich habe es halt immer dabei. Ich gehe heute gar nicht mehr ohne Smartphone aus dem Haus. Es ist dadurch so einfach geworden, und mittlerweile ist ja auch die Bildqualität super. Man kann auch große Ausdrucke von diesen Aufnahmen machen, und die Qualität wird immer besser. Und ich muss auch sagen: Es ist die Bequemlichkeit, denn ich habe keine Lust, jedes Mal eine ganze Fotoausrüstung mitzunehmen. Früher war es so, da war ich mit ein paar Freunden fotografieren, da hatte man immer einen riesigen Rucksack dabei und ein Stativ, eine große Kamera, zwei, drei Objektive. Diese Bilder sind qualitativ, wenn man ganz genau hinschaut und ranzoomt, natürlich schon etwas besser. Aber für kleinere Ausdrucke, Bücher oder diese Postkarten ist ein Smartphone mehr als ausreichend.

    Wenn du da mit Freunden unterwegs warst: Was habt ihr fotografiert?

    Das war unterschiedlich. Also, wir hatten da eigentlich auch nie irgendein Ziel. Was damals immer sehr angesagt war, war halt, in irgendwelche verlassenen Gebäude oder auf Industriegelände zu gehen, dort ein bisschen herumzuspazieren und einfach mal zu gucken, was man findet und ob es irgendwelche coolen Einstellungen an der Kamera gibt, die man machen kann. Oder wenn das Licht in so eine große Halle fällt: Wie sieht das aus, wenn man das fotografiert? Wir hatten da nie irgendwelche großen Pläne, wir wollten hier und da mal was ausprobieren, mal eine Langzeitbelichtung oder einfach mal so ein bisschen herumexperimentieren.

    Und dann hatte jeder von euch so eine komplette Ausrüstung?

    Ja.

    Das war also schon ein richtiges Hobby, nicht nur mal ein gelegentlicher Schnappschuss hier und da?

    Nein, wir haben uns schon recht regelmäßig getroffen, je nachdem, wie wir arbeiten mussten. Manchmal haben wir auch einfach nur die Bilder bearbeitet mit Photoshop oder neuen Tools, die es so gab.

    Aber du hattest bisher keine Lust, dem professionell nachzugehen?

    Nein. Wäre das mein Beruf, würde ich sehr schnell das Interesse daran verlieren.

    Trotz des positiven Feedbacks?

    Ja. Ich mache es hauptsächlich für mich und nicht, um Geld damit zu verdienen. Auch bei den Veröffentlichungen mit den Bands war das so, da habe ich mal die Promo-CD bekommen oder so. Ich fand das halt einfach eine nette Geste, für die Leute etwas zu machen. Und wenn es denen gefällt und die sagen, wir haben Bock, das bei uns aufs Plattencover zu bringen, dann freut mich das auch immer. Schon damals als Jugendlicher. Meine Bilder Künstlern anzubieten, finde ich immer eine gute Sache. Aber verkaufen möchte ich sie nicht.

    Was löst bei dir eigentlich den Impuls aus, eine Aufnahme zu machen?

    Es kommt streckenweise gar nicht so sehr auf das Motiv an. Wenn ich das Objekt oder das Motiv jetzt gerade in dem Moment interessant finde, ob es jetzt eine Landschaft ist, der Lichteinfall oder ob es irgendwas ganz Banales ist wie ein cooler Sticker, den ich irgendwo sehe, oder ein Graffito: Es muss mich halt catchen. Also, ich muss vorbeigehen, gucken und denken: Das ist schon irgendwie interessant. Es muss halt irgendwas haben: ob es das Licht ist, das Motiv an sich, irgendein cooles Statement oder einfach nur ein schöner Ort. Also, man kann ja auch ein Foto machen, weil es halt einfach nur ein absolut schönes Motiv ist.

    Du denkst, also nicht: Das passt in die Sammlung, die ich schon habe, sondern es ist immer so, dass du merkst, das spricht dich jetzt rein emotional an?

    Genau. Wie das Bild mit dem iRonny-Sticker. Das hat gepasst. Ronny. Irony. Ich fand das halt passend. Manchmal ist es auch einfach nur eine schöne Momentaufnahme. Also, ich gehe beim Fotografieren nicht so ran: Das muss ich jetzt so machen, das muss ich beachten, nicht zu sehr unterbelichten, nicht zu sehr überbelichten. Ich experimentiere einfach, bis es mir gefällt.

    Experimentierst du, bevor du das Foto machst, oder im Nachgang?

    Nein, auch schon während der Aufnahme. Also, ich mache meistens mehrere Bilder. Und dann schaue ich halt. Manchmal gehe ich dann näher ran oder weiter weg, vielleicht hier und da ein bisschen unter- oder überbelichten. Das mache ich dann so in dem Moment, also wie es mir gerade gefällt.

    Und dann machst du das mit den normalen Einstellungen vom Smartphone oder hast du noch verschiedene Apps?

    Ich mache es eigentlich meistens nur mit den bereits vorhandenen Apps vom iPhone. Das geht am schnellsten. Es gibt noch Freeware, die ich gerne nutze. Ich habe mal eine ganze Zeitlang Photoshop genommen, das finde ich bei Portraits immer ganz angenehm. Aber bei Landschaften ziehe ich vielleicht hier und da nur mal ein bisschen die Farbe hoch. Aber sonst finde ich: Zu viel sollte man auch nicht machen. Vielleicht einfach mal ein bisschen die Wärme ändern von dem Bild. Aber komplette Retuschen, wie ich sie früher mal gemacht habe, die finde ich jetzt gar nicht mehr so interessant – außer bei mir selbst vielleicht, bei den Falten (lacht).

    Folgt man dir in den Sozialen Netzwerken, so kann man eine bunte Mischung an Motiven entdecken: Reisefotos, Portraits und Tierbilder kommen häufig vor, aber auch Streetart und skurrile Dinge sind dabei. Was veranlasst dich, genau diese Sachen aufzunehmen und dann zu posten?

    Das sind eigentlich alles Momentaufnahmen, wie beispielsweise die im Vatikanmuseum: Da war eine Scheibe kaputt und durch sie konnte man gut den Petersdom sehen. Das fand ich ein absolut tolles Bild. Oder auf dem Weg in einen Technoclub, da habe ich das Graffito gesehen: Wann 9 Euro Ticket für Technoclubs? Das fand ich ein cooles Statement. Das sind eigentlich fast ausschließlich Momentaufnahmen. Also, auch die Portraits sind mehr oder weniger … (lacht) Momentaufnahmen. Oder das Bild aus Manchester mit dem quadratischen Zaunelement. Da war ich auf einer alten Brücke und da sind Züge vorbeigefahren. Das fand ich total interessant. Da habe ich auch ein bisschen experimentiert, etwas Licht, ein bisschen Überbelichtung und Bewegungsunschärfe hineingebracht.

    Warum bearbeitest du eigentlich die Bilder? Du könntest sie doch auch einfach so posten.

    Das hat für mich einfach ästhetische Gründe. Ich finde, manche Bilder sehen beispielsweise schwarz-weiß interessanter aus. Oder ich mache noch eine Vignette drum, um den Blick noch ein bisschen mehr auf das Objekt zu richten. Das gefällt mir einfach besser.

    Selten haben deine Bilder einen begleitenden Text dazu, meist lässt du sie ganz allein für sich sprechen. Wie kommt es, dass du nie etwas zu ihnen schreibst?

    Ich mache die Bilder ja für mich. Ich weiß ja, wo ich in dem Moment war. Das sind halt einfach schöne Momente, die ich für mich persönlich festgehalten habe.

    Du bist ein an sich sehr aktiver Fotograf, aber im Vergleich dazu veröffentlichst du nur wenige der gemachten Aufnahmen. Was passiert mit allen anderen Bildern?

    Ich habe eine Cloud dafür, und in regelmäßigen Abständen schaue ich immer mal alle Jahre durch und gucke, was ich da gemacht habe. Vielleicht finde ich mal noch ein schönes Bild. Ich finde das auch immer lustig, wenn ich dann mal schaue, was ich vor zehn Jahren gemacht habe und wo ich war. Das sind so schöne Momente. Ich schaue mir die gerne an. Von vielen Bildern, die ich da mehrfach habe und mit denen ich experimentiert habe, behalte ich oftmals auch nur das, das mir am besten gefällt – und dann auch auf Anhieb am besten gefällt. Der Rest wird relativ schnell gelöscht, einfach um nicht so viel Datenmüll zu haben.

    Hast du klassische Fotobücher oder anderweitig physische Fotoalben?

    Nein. Das ist ja das Schöne heutzutage. Das passiert ja alles automatisch, wenn man es in der Cloud hat: Das habe ich am zehnten Mai zweitausenddreizehn gemacht. Oder: Hier, dein Rückblick Juni soundso.

    Schaust du dir das dann auch mal großformatig auf dem TV an?

    Nein.

    Nun habe ich dich auch schon oft inmitten meiner Flure gesehen. Du bist mit Freunden entlang meiner Wiesen spaziert und hast Krähen und Spatzen Gutes getan. Wenn du fotografisch an mich, das Rosental, denkst, was kommt dir da zuerst in den Sinn?

    Dein kleiner See, der Froschteich am Wackelturm. Den finde ich toll. Da gibt es auch diesen einen Baumstamm. Dort finde ich es immer schön, und da bin ich dann manchmal, wenn ich mit dem Fahrrad fahre. Dann setze ich mich da hin, trinke mein Wasser oder rauche eine nebenbei. Dieser See, das Schwanenpaar, ich finde, das ist ein entspannter, ruhiger, schöner Ort.

    Welches Motiv würdest du grundsätzlich gern einmal fotografisch festhalten?

    Es gibt nichts, was ich jetzt unbedingt fotografieren muss. Aber es gibt so viele Motive, ob es jetzt Städte sind oder Gegenden … Aber ich habe da keinen Favorit.

    Wenn du sagst, Städte oder Gegenden, ist es dann grundsätzlich die Reisefotografie, die dich am meisten reizt?

    Ja, ich möchte meine Reisen fotografisch festhalten. Ich war auch schon an vielen Orten, aber spontan würde ich jetzt sagen: Ich würde gerne mal die Moai-Köpfe auf den Osterinseln fotografieren.

    Welches Foto in deinem Feed repräsentiert eine ganz besondere Situation?

    Ich schaue mir immer wieder gern meine Island-Bilder an oder die aus Israel. Ich habe fünf Favorits: Absolut beeindruckt war ich von Le Mont-Saint-Michel. Das ist ein ehemaliges Kloster in Frankreich, das auf einer kleinen Insel steht, wenn Flut ist. Ansonsten ist es von Watt umgeben. Und das sieht wie in die Landschaft retuschiert aus, wie aus Herr der Ringe. Da war ich richtig beeindruckt, das war richtig, richtig toll. Das ist schon gigantisch. Da habe ich mich schon wie in einem alten mittelalterlichen Film gefühlt. Ein weiterer Favorit ist die Grabeskirche in Jerusalem. Das ist total unscheinbar, ohne all die anderen Touristen wäre ich beinahe daran vorbeigelaufen. Aber innen ist da diese riesige Kuppel, sie wirkt wie eine kleine Kirche, wo man dann zum Grab kommen soll. Das fand ich total faszinierend. Ein weiteres Lieblingsbild ist das von den zwei Juden, die mit ihrem Rücken zu mir an der Klagemauer lehnen. Da ist der ultra-orthodoxe neben dem weniger orthodoxen Juden. Das war auch eine Momentaufnahme. Sehr schön fand ich auch Petra in Jordanien bei Nacht. Da war alles beleuchtet. Und eben Island: Dieses Licht, die Natur, das fand ich faszinierend.

    Lieber Stephan, zu guter Letzt: Möchten Interessierte deine Fotografien sehen oder gar Kontakt zu dir aufnehmen, wie wäre das möglich?

    Sie können mir auf Instagram @wilhelmschroeder folgen.

    Ganz lieben Dank!


  • Als Parkanlage im nördlichen Auenwald bin ich, das Rosental, Leipzigern und ihren Gästen seit bald tausend Jahren bekannt. Suchen Spazierende mich auf, passieren sie zuvor Straßen, Orte und Gebäude, die an Kunstschaffende vergangener Zeiten wie Tschaikowski, Nietzsche oder Beckmann erinnern. Doch wie sieht es mit zeitgenössischen Kreativen aus, die sich hier in meiner Nähe angesiedelt haben und mit ihren Kunstwerken das großstädtische Leben prägen?

    Lieber Dierk, ich erinnere mich, dass du als Kind vor meinen Toren auf dem Livia-Platz gespielt hast und dass du schon immer in Gohlis-Süd wohnen wolltest. Was reizt dich denn so an der Nähe zu mir?  

    Ich fand diese ganze Gegend schon immer sehr schön. Ich finde es hier sehr gemütlich, sehr angenehm. Und deshalb wollte ich immer hier hin. Und weil ich hier gespielt habe und weil da Erinnerungen sind, um den Waldplatz herum. Als Kinder haben wir am Grillplatz im Rosental gespielt, haben mit Pfeil und Bogen geschossen, Lagerfeuer gemacht. Wir sind mit dem Fahrrad viel rumgefahren, auch hier durch das Rosental. Als Zehnjähriger haben mein Freund und ich hier auch mal zwei Mädels kennengelernt und wir haben sie oder sie auch mal uns durchs Rosental gejagt.

    Und wie bist du dann zur Fotografie gekommen?

    Ich habe als Kind immer gerne fotografiert und habe mich immer riesig gefreut, wenn ich die Bilder abholen konnte. Ich habe die dann also zum Entwickeln gebracht, und dann habe ich immer die Tage gezählt, bis ich die Bilder abholen konnte. Ich hatte auch eine eigene Kamera. Ich weiß aber nicht mehr, wie die hieß, aber es war eine schwarze, da musste man auch noch den Film selber drehen. Danach kam die Beirette. Das war so eine richtig alte mit Leder drum herum. Ich fand das beim Fotografieren immer ganz spannend, was da am Ende rauskommt. Aber es war nicht so, dass ich besondere Ahnung gehabt hätte, sondern ich habe einfach das fotografiert, was mir gefallen hat. Ich wollte einfach bloß wissen: Was kommt da raus? Wie sieht das aus? Ich habe auch mal gemalt, das fand ich auch total spannend, habe ich aber nie so richtig gut hingekriegt. Aber ich habe oft im Clara-Zetkin-Park gesessen und den Teich gemalt oder die Bäume. Ich habe das gemalt, um danach zu sehen, wie es wirkt.

    Und mit welchen Materialien hast du gemalt?

    Mit Bleistift. Ein Freund, der jetzt ein großer Künstler ist, hatte mir das mal beigebracht. Das fand ich interessant und auch beruhigend. Deshalb habe ich das ab und zu mal gemacht. Aber wie das immer so ist: Ich habe da nie große Ambitionen gehabt, das weiterzuentwickeln, aber ich fand das interessant und schön.  

    Wie bist du dann wieder zurück zur Fotografie gekommen? Was hat da den Anstoß gegeben?

    Nach einer Knie-OP habe ich bei der Reha am Waldplatz einen Fotografen kennengelernt. Er erzählte, dass er immer Fotos von Leipzig mache und dass er gerne mal einen Kalender herausbringen würde. Ich sagte ihm, dass ich gestalten und drucken kann. Schließlich habe ich zwei Jahre lang mit ihm und dann noch mit anderen Fotografen gemeinsam an Kalendern gearbeitet – bis ich schließlich selbst komplett hinter dem Produkt stehen wollte. Also habe ich mir eine preiswerte Kamera gekauft und gedacht, ich probiere das einfach mal aus. Frühmorgens bin ich in die Stadt gefahren und habe das Kaffeehaus Riquet im Sonnenaufgang fotografiert und geschaut, ob es schön aussieht. Und dann hat mir das Foto ganz gut gefallen. Also dachte ich, ich schaue mal bei Pixabay, weil man dort Fotos gratis hochladen kann. Zwar bekommt man da kein Geld, aber das war mir erst einmal egal, denn ich wollte zunächst wissen, ob die sagen: Ja, wir nehmen es. Da habe ich einige Fotos hochgeladen – und das vom Riquet haben sie genommen. Und dann entdecke ich plötzlich mein Foto bei einem Preisausschreiben der Sparkasse auf Facebook. Das war die Werbung für den Sparkassenkalender. Dann war es noch in einer Zeitung. Da dachte ich, das kann doch nicht sein, die finden das gut! Da war ich ein bisschen erstaunt. Und dann bin ich zum Wintergartenhochhaus und habe davon Fotos gemacht und habe die auch hochgeladen. Und das haben viele Immobilienfirmen genommen. Und da hatte ich auf einmal nach kurzer Zeit bald tausend Downloads von den Bildern. Auch die LVZ hat letztens eins auf ihrer Seite über Finanzen abgebildet. Dann habe ich angefangen, mir Tutorials zu Fotografie anzusehen. Und dann habe ich das alles ausprobiert, und der Kalender ist wirklich richtig gut geworden und hat tolles Feedback bekommen. Und da habe ich dann immer weitergemacht.

    Du bist also ein Quereinsteiger und hast deine Liebe zur Fotografie wiederentdeckt und hast gedacht, dass du das jetzt ausbauen kannst?

    Ja, genau. So ist es gewesen. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, ich würde jetzt keine Fotos machen und die irgendwo auf der Festplatte rumoxidieren lassen, um mir die irgendwann nach drei Wein anzusehen und zu denken: Ich habe ein schönes Leben. Das ist es jetzt nicht, sondern es ist schon der Aspekt, dass ich damit Geld verdiene. Und was auch ganz wichtig ist: Ich kann dadurch mein grafisches Auge schulen und habe so einen ganz anderen Blick. Das passt eben alles zusammen.

    Deine Bilder unterscheiden sich sehr von anderen, vor allem in ihrer Dramatik und der Abwesenheit von Menschen. Wie geht das?

    Ich bin immer sehr, sehr früh unterwegs. Das hat also mehrere Gründe: Wenn ich Menschen auf einem Bild habe, dann ist es für einen Kalender ungünstig. Zweitens habe ich frühmorgens meine Ruhe. Ich kann also mal schnell mit dem Auto überall ranfahren, zum Beispiel auf den Markt. Die Dramatik kommt dadurch zustande, weil ich die Fotos dahingehend bearbeite. Und es ist halt auch so, wie ich es damals in der Werbung gelernt habe: Ich verkaufe keine Wahrheit, ich verkaufe Illusionen. Inzwischen sind meine Bilder aber nicht mehr so sehr dramatisch und wild. Es war einfach so, dass ich persönlich das schön fand. Aber es darf nicht so übertrieben sein.

    Dann hast du jetzt also richtig Spaß am Fotografieren?

    Ja. Und ich habe jetzt auch einen Fotografen, mit dem ich ab und zu gemeinsam fotografieren gehe. Das ist schön, man trifft sich, trinkt zusammen ein Bier und geht ein bisschen raus. Und es ist immer wieder spannend, welches Foto da am Ende rauskommt, wie schön das dann ist. Das macht Spaß, wenn man so ein bisschen unterwegs ist.

    Was, denkst du, schärft deinen fotografischen Blick?

    Die Übung. Ich schaue mir auch immer wieder neue Videos an. Jeden Abend, bevor das Fernsehprogramm losgeht – das könnte man schon fast als Hobby bezeichnen –, schaue ich mir Videos über Fotografie, Gestaltung oder Marketing an. Aber ich mache auch Online-Kurse, letztens zum Beispiel den Kurs zu Affinity Designer 2.

    Du machst oft Bilder aus der Vogelperspektive und wohnst ja auch im Dachgeschoss. Was magst du so an luftiger Höhe?

    Mich interessiert gar nicht die Höhe an sich, sondern: Wir Menschen finden ja immer das schön, was wir nicht kennen und was wir nicht so oft sehen. Wenn wir hier in Leipzig ein Foto von Miami sehen, dann finden wir das schön. Die Menschen in Miami finden das nicht schön, dafür aber wahrscheinlich Bilder von Bergen. Und Ansichten von oben haben wir halt nicht so oft.

    Du fotografierst also von oben, weil du diesen Anblick magst oder weil du denkst, dass andere das schön finden?

    Beides. Also, ich finde das auch interessant, aber die Fotos haben auch eine große Resonanz.

    Auf deinen Bildern komme ich, das Rosental, noch nicht so oft vor. Gibt es aber trotzdem eine Ecke inmitten meiner Flure, die dir gut gefällt?

    Ja, das Zooschaufenster finde ich sehr schön und die große Wiese, von der aus ich den Uniriesen sehen kann. Auch die Brücke zur Tschaikowskistraße und das Mückenschlösschen gefallen mir.

    Und welches Motiv aus meiner Fauna und Flora würdest du gerne einmal ablichten?

    Das ist dieser eine Baum am Zooschaufenster mit dem Uniriesen im Hintergrund. Die Friedenseiche. Das würde ich gerne mal im Winter bei Nebel fotografieren.

    Lieber Dierk, recht herzlichen Dank. Meine letzte Frage lautet: Wo kann man deine Bilder sehen?

    Bei Instagram und facebook bin ich unter gutdesign.de zu finden. Den Kalender gibt es bei Globus, Hugendubel, im Leipzig-Laden Nr. 1 sowie in der Buchhandlung Ludwig im Hauptbahnhof. Und ein neues Seniorenheim in Lindenau hat meine Bilder auf seinen Etagen ausgestellt.